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Kalender 2017 - Juni

06 juni

Langeweile

Die Langeweile genießt einen denkbar schlechten Ruf. Der stark negativ konnotierte Begriff steht allgemein für ein Gefühl der leeren, unausgefüllten Zeit, das sich beim Ausüben monotoner oder unterfordernder Tätigkeiten ebenso einstellen kann wie beim Nichtstun. Wörtlich bedeutet Langeweile das unangenehme Gefühl der sich dehnenden Zeit (lange Weile). Es ist unerheblich, ob dieser Zustand eine bestimmte Ursache hat oder nicht. Wem langweilig ist, dem scheint die Zeit sinnlos oder gar nicht zu verstreichen. Kurz gesagt ist Langeweile verzeitlichte Sinnlosigkeit.

Wer sich langweilt, dem wird die Zeit lang. Wie aber sollte das in einer zunehmend beschleunigten Gesellschaft, in der bekanntlich niemand mehr Zeit für irgendetwas hat, ein Problem sein? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Neben dem subjektiven Empfinden von Sinnlosigkeit ist Langeweile auch eine existenzielle Zumutung. Auf sich selbst zurückgeworfen bleibt dem Gelangweilten jede Menge Zeit, dem Ticken der Uhr zu lauschen, das einen Abgrund öffnet für die unausweichliche Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. In der Langeweile konfrontiert die Zeit das Ich unmissverständlich mit seiner Begrenztheit und Ohnmacht. Sie verstreicht unaufhaltsam und mit ihr das Selbst und seine ganze Welt. „Die Langeweile“, so J.P. Hebel, „wartet auf den Tod“. Der Gelangweilte wartet mit.

Die Langeweile ist aber nicht nur eine menschliche Grunderfahrung. Sie ist zu weiten Teilen auch ein kulturgeschichtliches Produkt. Monotone, repetitive Tätigkeiten von vielen Stunden täglich, die vor allem dazu dienen, andere reich zu machen, sowie die Verarmung von Stadtbildern und Naturlandschaften sind Symptome einer Blütezeit des individuellen und kollektiven Langweilens: der Industrialisierung. Weil Zeit jetzt Geld ist, gilt von nun an als sinnvoll, was Zeit spart, d. h. effizient und maximal produktiv ist.

Diese Logik der Ökonomisierung von Zeit setzt sich im Privaten fort. Als Antwort auf den Freiheitsentzug durch die industrielle Lohnarbeit entsteht schon bald eine neue wirtschaftliche Produktivkraft: die Kulturindustrie. Deren Produkte bedienen den wachsenden Bedarf nach Zerstreuung und Konsum. Als Versuche der Kompensierung und Wiederaneignung verlorener Lebenszeit prägen sie unseren Alltag bis in die Gegenwart.

Bis heute gilt es als ausgemacht, dass sinnvolle Zeit in erster Linie produktive, maximal genutzte Zeit zu sein hat. Diese Auffassung führt aber zu einem Paradox: Je mehr Zeit durch Effizienzsteigerung „gewonnen“ werden soll, umso mehr Zeit geht „verloren“. Denn das ökonomische Prinzip der Verrechnung von Zeit ist zutiefst ambivalent. Wenn wir uns „für etwas Zeit nehmen“, dann unter der unausgesprochenen Prämisse, dass wir uns an anderer Stelle die entsprechende Zeit dafür nehmen müssen, wo sie uns dann auf eigentümliche Weise „fehlt“. Deswegen arbeitet der Mensch heute auch nicht weniger, sondern – mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt – lediglich effizienter.

Zeit ist heute eine Ressource wie jede andere. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto knapper wird sie. Um dieser Knappheit zu entkommen, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer exotischere Formen des maximal produktiven Zeitvertreibs herausgebildet. Die Langeweile ist eine Begleiterscheinung dieser Radikalisierung. Sie stellt sich ein, sobald nichts zu tun ist. Sie ist der ungeduldige Ruf nach dem nächsten Zeit-Vertreib. Das Vertreiben von Zeit sorgt jedoch dafür, dass die nicht-vertriebene, frei verfügbare Zeit zum Problem wird. „Wenn man nichts anders tut, als sie sich zu vertreiben“, schreibt Goethe, „so muss sie einem notwendig oft zur Last werden.“ Langeweile ist die zur Last fallende Zeit.

Es scheint heute kaum noch vorstellbar, dass nicht-vertriebene Zeit ein Gewinn sein könnte. Dies thematisiert ein Zeichentrickfilm von Loriot. Wer „einfach nur sitzen“ möchte, ohne zu lesen, spazieren zu gehen, zu denken oder sich auf eine anderer Art und Weise zu zerstreuen, gerät sogar im heimischen Sessel unter Druck.1 Dabei ist es andernorts genau dieses Sitzen (z. B. in der buddhistischen Praxis des Zazen), das ein echtes Gegenangebot zur fortschreitenden Ökonomisierung der Zeit bietet. Wer Zeit gewinnen möchte, der tut am besten: nichts. Nichts tun, um nichts zu erreichen – das ist gelegentlich langweilig, aber nie ganz sinnlos. Denn nur wer Zeit hat, ist womöglich irgendwann dazu in der Lage, sinnvolle von sinnlosen Tätigkeiten zu unterscheiden.

Video: Loriot: Feierabend

 


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